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Digitalisierung von „L’Ultima Cena” (Leonardo da Vinci)

Digitalisierung von „L’Ultima Cena” (Leonardo da Vinci)

Mailand, 27. Oktober 2007 - Zum ersten Mal in der Geschichte wird ein Gemälde so hochauflösend und detailreich reproduziert und der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht, dass selbst das Loch, das eine Stecknadel in dem Fresko hinterlassen hat, sichtbar wird. Ein halbes Jahr intensive Vorbereitung und die Unterstützung von Partnerunternehmen, die je­weils als marktführend auf ihren Gebieten gelten, hat es gekostet, um Leonardo da Vincis Meisterwerk mit einer gewaltigen Auflösung von nicht weniger als 16 Gigapixel abzutasten. Wozu eine solch hohe Auflösung benötigt wird, welche technischen Herausforderungen das Team von Haltadefinizione zu meistern hatte und wie sich die Technologie seit damals weiterentwickelt hat, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

„L‘Ultima Cena“ - „Das letzte Abendmahl“ zeigt die biblische Geschichte des letzten Mahles von Jesus Christus und seinen 12 Aposteln am Abend vor seiner Festnahme. Der weltbekannte Mailänder Maler und Bildhauer Leonardo da Vinci erhielt 1494 den Auftrag vom damaligen Herzog Ludovico Maria Sforza, eine Wand im Speisesaal des Klosters „Santa Maria delle Grazie“ mit eben dieser Szene auf ca. 9 m Breite zu verschönern. Als da Vinci sein Meisterwerk 4 Jahre später fertig stellte, begann eine schier unglaubliche Odyssee des Gemäldes. Selbst Napoleon Bonaparte versuchte, sich seiner zu bemächtigen und ließ es zu diesem Zweck von der Wand ablösen und nach Frankreich bringen. Später, im 2. Weltkrieg, als es bereits wieder an der Wand im Kloster angebracht war, überstand es sogar den unmittelbaren Treffer einer Fliegerbombe. Es grenzt nahezu an ein Wunder, dass das Werk bei all den irrsamen Wegen bis heute erhalten geblieben ist. Seit 1980 ist es als UNESCO Welterbe geführt und nicht zuletzt durch die Thematisierung in Büchern und Kinofilmen auch ein Teil der Popkultur geworden.

Detailansicht aus dem “Letzten Abendmahl”
Detailansicht aus dem “Letzten Abendmahl”

Doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, wie leider deutlich zu erkennen ist. Trotz einer umfassenden und akribischen Restauration sowie einer überwachten Raumklimatisierung und sorgfältigen Einschränkung der UV-Exposition, verschlechtert sich der Zustand zunehmend. Aus diesem Grund entschied man sich 2007 für eine bis zu diesem Zeitpunkt nie dagewesene hochauflösende Digitalisierung, um den Zustand des Gemäldes zu dokumentieren und es auf diese Weise zumindest in digitaler Form der Nachwelt zu erhalten. Teil des Plans war es auch, das Werk im Internet kostenfrei in voller Auflösung zugänglich zu machen, um es international für Forschung und Lehre zur Verfügung zu stellen. Mit der Umsetzung der Digitalisierung wurde das italienische Unternehmen HAL9000 s.r.l. beauftragt, welches unter dem Projekttitel „Haltadefinizione“ seine Arbeit aufnahm und zunächst die technischen Möglichkeiten abklärte.Die Verwendung einer herkömmlichen Reprokamera mit Scanrückteil wurde frühzeitig verworfen, da die zu erwartende Qualität insbesondere in Bezug auf die Auflösung um das 20- bis 100fache zu gering und damit als unzureichend eingestuft wurde. Außerdem stellt das Gemälde mit seiner Dimension von ca. 9 m Breite und 4 m Höhe eine besondere Herausforderung dar. Die große Bildfläche warf noch weitere Probleme auf. So war für eine natürliche Farbwiedergabe eine künstliche, möglichst homogene Beleuchtung notwendig, allerdings unter Berücksichtigung von Auflagen. Die Gesamtexposition, insbesondere mit Licht im harten UV-Spektrum musste auf ein Minimum reduziert werden, um Folgeschäden durch die Digitalisierung zu vermeiden. Insgesamt war es ein schwieriges Unterfangen, weshalb sich das Team von Haltadefinizione entschied CLAUSS als den weltweit führenden Spezialisten für Gigapixelfotografie als Projektpartner hinzuzuziehen.

Prototyp des RODEON piXpert
Prototyp des RODEON piXpert

Das in Deutschland ansässige und Anfang der 1990er gegründete Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von opto-mechatronischen High-End-Aufnahmesystemen spezialisiert. Angepasst an die besonderen Herausforderungen entwickelte CLAUSS speziell für die Kunstreproduktion ein Aufnahmesystem, welches bei „L‘Ultima Cena“ 2007 zum ersten Mal als Prototyp zum Einsatz kam. Dabei wird das Gemälde nicht mit einer einzigen Aufnahme, sondern mit einer Vielzahl von Einzelbildern abgelichtet.

Der Blitzkopf ist parallel zum Objektiv montiert und wird bei der Aufnahme mitbewegt.
Der Blitzkopf ist parallel zum Objektiv montiert und wird bei der Aufnahme mitbewegt.

Jedes einzelne Bild zeigt dabei nur einen winzigen Ausschnitt des Gemäldes, jedoch mit einer physikalisch hohen Ortsauflösung. Der Aufnahmestandort bleibt unverändert, was insbesondere bei unebenen Oberflächen wesentlich ist. Die Optik, ein hochwertiges Fototeleobjektiv mit 600 mm Brennweite, lieferte das japanische Traditionsunternehmen Nikon. Als Kamera wurde das Modell D2x des gleichen Herstellers mit einer Auflösung von 4 288 × 2 848 Pixel verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Abstände zwischen der Kamera und der Bildmitte im Vergleich zu den Rändern und Ecken ergeben sich über die Bildfläche unterschiedliche Auflösungen. Die maximale Auflösung wird in der Bildmitte mit ca. 450 dpi erreicht. An den Bildecken fällt die Auflösung dagegen auf ca. 300 dpi ab.

Für eine möglichst zentrale Aufnahme wurde das Aufnahmesystem auf einem Gerüst befestigt.
Für eine möglichst zentrale Aufnahme wurde das Aufnahmesystem auf einem Gerüst befestigt.

Durch das Zerlegen des Gesamtbildes in viele kleine Teilaufnahmen konnte auch das Beleuchtungsproblem gelöst werden. Anstelle alles beleuchten zu müssen und das Gemälde einer unzumutbar hohen Dosis an Licht, insbesondere  der schädlichen UV-Strahlung auszusetzen, musste nun jeweils nur der sich im Fokus befindliche Teilbereich, und dieser auch nur für den kurzen Moment der Aufnahme, beleuchtet werden. Um eine möglichst rauscharme und farbechte Digitalisierung zu gewährleisten, entschied man sich für die Verwendung eines Hochleistungsblitzkopfes des Herstellers Elinchrom, welcher zusätzlich mit Spezialfiltern, um den UV-Ausstoß zu minimieren, und einer Lochblende, um den beleuchteten Bereich einzuschränken, versehen wurde. 1 677 Positionen wurden insgesamt automatisch angefahren und jeweils ein Bild aufgenommen. Im Anschluss wurde aus diesen vielen einzelnen Aufnahmen digital ein Gesamtbild berechnet. Damit bei dieser Berechnung keine Übergänge zwischen den Teilbildern zu sehen sind, wird eine gewisse Überlappung bei der Aufnahme zwischen den Teilaufnahmen benötigt. So wurden insgesamt ca. 20 Gigapixel aufgenommen, aber das Endresultat umfasst nur ca. 16 Gigapixel (172 181 × 93 611 px). Die Bilddaten wurden direkt per USB-Kabel auf einen PC übertragen und überprüft, da eine Wiederholung der Aufnahme nur mit erheblichen Zusatzkosten und einer längeren Wartezeit möglich gewesen wäre.Bewegt und gesteuert wurde die Kamera vom Aufnahmeroboter RODEON piXposer. Die extrem hohe Präzision und Stabilität bei gleichzeitig hoher Traglast zeichnen dieses System besonders aus und machen eine solche zusammengesetzte Aufnahme überhaupt erst möglich. Seit 2007 wird das Aufnahmesystem in Serie gebaut und zahlreichen Detailverbesserungen unterzogen. Eine Vielzahl an über die Jahre eigens entwickeltem Zubehör macht es möglich, den Großbildscanner universell an nahezu jede Aufnahmesitation anzupassen. Selbst spiegelnde Oberflächen wie Goldintarsien können mithilfe spezieller Beleuchtung abgebildet werden. Nach wie vor ist der RODEON piXposer das weltweit einzige System, welches die Reproduktion von Großbildern erlaubt ohne Abstriche bei der Qualität machen zu müssen. Gleichzeitig wird der piXposer für seine Portabilität, Zuverlässigkeit und Flexibilität sehr geschätzt. So wächst das System mit der sich weiterentwickelnden Kameratechnik für DSLRs und Fotoobjektive mit. Bereits wenige Wochen nach der Digitalisierung des „Letzten Abendmahls“ wurde es online veröffentlicht und kann unter www.haltadefinizione.com in Originalgröße betrachtet werden. Dort zu finden ist auch eine zweite Aufnahme aus dem Jahr 2009. Diese wiederholte Aufnahme dokumentiert die Änderungen am Gemälde über die Zeit. Eine dritte Aufnahme ist bereits in Planung und soll in den ersten Monaten des Jahres 2020 umgesetzt werden.

RODEON piXposer im Museum of Modern Art (New York City)
RODEON piXposer im Museum of Modern Art (New York City)

Die Aufnahmetechnik von CLAUSS, ein Gemälde in vielen kleinen Teilbildern zu erfassen und erst anschließend zusammenzufügen, hat sich inzwischen durchgesetzt. So wurden beispielsweise weltweit mehrere hundert herausragende Kunstwerke, darunter u. a. die „Mona Lisa“ (Louvre, Paris) oder der „Babylonische Prozessionszug“ (Pergamonmuseum, Berlin) im Rahmen des „Google Art Project“ mithilfe von RODEON piXposer Systemen digitalisiert.